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Artikel aus Mobile Times 27

Substitution oder Konvergenz in der Telekommunikation?

Konvergierende Netze

Ob Mobilfunk oder Festnetz zusammenwachsen, ist ein heiß diskutiertes Thema, Heute bieten wir Ihnen dazu eine Abhandlung aus der Sicht des Massenmarktes von Dipl.-Ing. Josef Forer, Leiter der Business Unit Communication Devices bei der Firma Siemens AG Österreich


Karl sitzt genüßlich im Garten und genießt die ersten warmen Sonnenstrahlen des eben erst angebrochenen Frühlings, da läutet das Telephon: Er hebt am schnurlosen Mobilteil ab, obwohl er es schon geahnt hat: Es ist für seine Gattin.

Dank moderner DECT-Technologie kein Problem: Er verbindet intern zum 2. Mobilteil ins Wohnzimmer und übergibt - nach einem kurzen und mürrischen ... "schon wieder Deine Mutter...".

Karl ist ein bißchen eingenickt, da fährt er plötzlich hoch: War das nicht schon wieder ein Telephon-Rufsignal? Jawohl, aus der Ferne klingt unverkennbar die Melodie seines neuen Handys. Er sprintet ins Haus, durchwühlt sein Sakko, kramt in seiner Aktentasche. Und findet das C25 schließlich in der Küche unter einer Zeitung.

Am anderen Ende meldet sich sein Squash-Partner und meint: "Duuu wolltest doch, daß ich dich nur mehr am Handy anrufe, und jetzt läßt du es da auch schon ewig läuten? ..."

Vermutlich ist es vielen schon so wie Karl ergangen, denn immer mehr Österreicher haben zu Hause neben einem Festnetzanschluß auch noch zusätzlich ein Handy, oder vielleicht schon zwei ... und täglich werden es mehr.

Da wird die Frage immer virulenter: Wachsen die Dinger eigentlich zusammen (Konvergenz), oder ersetzt eher die eine Technologie die andere (Substitution)?

Die Antwort darauf ist aus meiner Sicht sehr einfach: beides.

Die Frage, wann und wie, hängt allerdings stark davon ab, welche Bedürfnisse die breite Masse wirklich hat bzw. was wann und zu welchem Preis angeboten wird.

Die Bedürfnisse der meisten Menschen sind in diesem Zusammenhang in der Regel recht einfach zu beschreiben: Sie möchten es möglichst bequem haben.

Und nachdem vor allem die jüngere Generation mit Begeisterung die unendlich vielfältigen Möglichkeiten von Internet, Computergames, digitaler Fotografie, schnurloser und cellularer Telephonie mit immer schickeren und billigeren Geräten zu schätzen weiß, ist der Weg eigentlich vorgezeichnet: Komfort und Spaß um wenig Geld.

Für die nicht mehr ganz so jung Gebliebenen ist neben dem Komfort die einfache Bedienung und vielleicht der moderate und damit leichter verkraftbare Übergang von alter zu neuer Technik von Vorteil: Wer beginnt schon gerne immer wieder ganz von vorne?

In diesem Zusammenhang heißt das, Geübtes oder bereits zu schätzen Gelerntes verfeinern, und in die Informations- und Kommunikationswelt übertragen: Immer kleinere, leichtere, leistungsfähigere und preiswertere Geräte sind gefragt.

Ich komme zurück auf die Frage: Wie ergänzt oder substituiert der Mobilfunk die Festnetze, und welche Lösungen in Form von Produkten hat der kommunikations-bedürftige User zur Auswahl? Dazu eine kleine Übersicht:

Für die Festnetze (Zugang dzt. über Telekom Austria oder Priority Telecom):

POT (Plain old Telephon)

Auch mit Wahlscheiben gibt es sie noch; die meisten sind jedoch bereits als Tastentelephone ausgeführt, zunehmend mit schneller Tonwahl und vielleicht zusätzlich noch Zieltasten, Freisprechen oder Anrufbeantworter. Aber alles hängt fest am Festnetz: Telephonieren kann man, mehr will man nicht.

Cordless

Schnurlose Telephone sind in Österreich seit 1984 erhältlich, heute hat jeder dritte Haushalt so ein Ding, das zwar am Festnetz hängt, aber bis zu 300 m Telephonfreiheit rund um Haus und Wohnung ermöglicht. DECT-Technik bietet hier seit knapp sieben Jahren weiteren Komfort wie kostenfreie Interngespräche, glasklare Sprachqualität und bis zu einer Woche Empfangsbereitschaft mit 2 Standard-AA-Akkuzellen.

ISDN (Integrated Services of Digital Networks)

Zunächst ein Business-Ansatz der Sprach-/Datenintegration für mehr Übertragungsbandbreite über die vorhandenen 2adrigen Telephonleitungen, mittlerweile auch in Österreich im Vormarsch in die privaten Haushalte: Ohne weitere Leitungen zu vergraben, kann man gleichzeitig 2 Amtsleitungen nutzen, besonders geeignet für Datenübertragungen parallel zu Telephongesprächen, und das mit 64 Kbit/Sek.

Auch für diese Technik gibt es normale drahtgebundene Telephone, aber auch Schnurlossysteme und PC-Karten.

PC (Personal Computer)

Mittlerweile auch schon in mehr als 10 % der österreichischen Haushalte, schon längst nicht mehr nur Arbeitsmittel sondern zunehmend auch Spiel- und Kommunikationskonsole mit Anschluß ans Festnetz - in der Regel mittels Modem oder ISDN-Karte.

Für die Mobilfunknetze (derzeit D-, A1-, max- und ONE-Netz)

Handy

Kennt mittlerweile jeder, man braucht derzeit nur die aktuelle Werbung ansehen oder Mobile Times lesen: Mobil ist schick, bequem, und schon recht günstig. GSM hat sich als europäischer Mobilfunk-Standard in über 70 Ländern der Welt durchgesetzt, zunächst auf 900 MHz, dann auf 1800, und schon jetzt wird die Nachfolgetechnologie UMTS (Universal Mobile Telecommunication System) entwickelt, um in noch mehr Ländern noch mehr Gespräche und zunehmend auch mehr Daten in Form von Internet oder E-Mail zu ermöglichen.

Moderne Handys sind sogenannte Dual-Nand-Geräte, die sowohl 900 oder 1800 MHz als auch beide Frequenzgruppen gleichzeitig bedienen können.

Mobile Communicator

Neben dem Anschluß von PC-, PDA und Notebook ans Handy über Kabel oder Infrarot und damit an ein Mobilfunknetz sowie GSM-PC-Karten gibt es auch schon erste integrierte Lösungen, wo entweder in den PDA das Handy (bei Siemens im sogenannten "PIC", dem Personal Intelligent Communicator) oder in das Handy z.B. das Modem und der Internet-Browser (bei Siemens im S25) eingebaut wird.

CLL (Cellular Lokal Loop)

Ein erster neuer Ansatz für die letzte Meile vom Vermittlungsamt ins Wohnzimmer oder ins Büro über Funk anstelle der üblichen Kupferleitungen: Statt in ein Handy wird hier die SIM-Karte in ein Standgerät eingelegt, das dann einen Festnetzanschluß ersetzt (substituiert).

In Ländern mit schlecht ausgebauten Festnetz-Infrastrukturen eine elegante Möglichkeit, sehr rasch flächendeckende Telephonie anzubieten, ohne Straßen aufgraben oder Wohnungen aufstemmen zu müssen.

In etablierteren Ländern wie Österreich eher nur zusätzlich zum Festnetzanschluß interessant, etwa um billige Gespräche innerhalb eines GSM-Netzes führen zu können (verfügbare Stand-alone-Geräte wären z.B. das Siemens euroset GSM oder das optiset GSM und als Gateway für vorhandene Geräte das Siemens Combiset GSM).

Für beide Netze (Festnetz und Mobilfunk)

Dual Mode Handy

Dieses Gerät ist zum einen ein GSM-Handy und zum anderen ein DECT-Schnurlos-Mobilteil: Ist man zu Hause oder im Büro in der Nähe seiner DECT-Basisstation, so werden die Gespräche darüber geführt, verläßt man diesen 300-m-Radius, wird auf GSM umgeschaltet.

Für gewisse Business-Anwendungen (z.B. hinter einer PABX) oder Single-Haushalte sicher interessant, aber bei der dynamischen Entwicklung der Handys (bei Siemens z.B. gibt's in Zukunft alle 3 Monate ein neues) und der parallel dazu stattfindenden Verfeinerung der Schnurlostelephone in Richtung mehr Komfort und elegantere Mobilteile muß bezweifelt werden, ob die Integration beider für einen Nischenmarkt nicht der sicherlich ebenfalls angestrebten Kleinheit und Peppigkeit ständig hinten nachhinkt ...

Aber vielleicht ist einfach die üblicherweise klare Trennung zwischen Büro (Firmeneigentum) und Zuhause (Privateigentum) bei der Mehrheit der Bevölkerung der Grund für die gedämpfte Euphorie bei diesem Ansatz, der zwar technisch naheliegend (DECT-Mobilteile und GSM-Handys haben vieles gemeinsam), aber nicht wirklich ein Lösungsansatz für die breite Masse zu sein scheint.

Home Base Station

Eine Art Mini-Basisstation zu Hause, die direkt ans Festnetz angeschlossen ist, empfängt die Handy-Signale in der unmittelbaren Umgebung, bzw. abgehende Gespräche vom Handy werden innerhalb dieser Pikozelle direkt ins Festnetz abgeführt: ein an sich sehr innovativer Ansatz, um mit dem eigenen Handy ohne das Gerät zu wechseln daheim übers Festnetz und unterwegs über Mobilfunk zu kommunizieren.

Aber eine GSM-Basisstation für jeden Haushalt ist nicht ganz billig, bisherige Handys können dafür nicht verwendet werden, außerdem muß bei diesem Ansatz ein Sprachkanal für die Signalisierung geopfert werden, und das bei immer heftiger umkämpften Frequenzen gerade in Ballungszentren ...

IN / Home Zone (Intelligent Network)

Intelligenz in der Fest- und/oder Mobilfunknetz-Infrastruktur bewerkstelligt die Verknüpfung beider Netze. VPN (Virtual Private Network), automatische Anrufumleitung in das jeweils andere Netz oder ganz einfach spezielle Tarifierung (z.B. bei der Homezone der deutschen VIAG , wo Gespräche innerhalb der Heimatzelle als Ortsgespräche besonders günstig vergebührt werden) ermöglichen hier ohne spezieller Zusatzgeräte die Nutzung von Fest- und/oder Mobilfunknetz-Features.

Allerdings ist dieser Ansatz schwer zu vermarkten, da man bekanntlich virtuelle Dinge nicht so leicht als Geschenk verpacken oder verständlich inserieren kann ...

Gigaset GSM

Das haben Sie wahrscheinlich noch nicht gehört, außer Sie waren auf der CEBIT 99 am Siemens-Stand in der Halle 26:

Eine Schnurlos-Basisstation mit gleichzeitiger Anschlußmöglichkeit ans Festnetz und an GSM (Bild 1), dazu noch ein integrierter Router, der jede am Mobilteil oder den sonst noch angeschlossenen Telephonen gewählte Telephonnummer bewertet und je nach Voreinstellung über GSM oder das Festnetz routet, auf Wunsch sogar automatisch zu einem Verbindungsnetzbetreiber durch automatische Vorwahl von "10xx".

Ich bin der festen Überzeugung, daß die vielen Vorteile des Festnetzes (Sicherheit, Breitbandigkeit, Kosten der Infrastruktur z.T. schon abgeschrieben ... - gepaart mit einer gewissen Trägheit vieler Zeitgenossen beim Abmelden gewohnter und z.T. liebgewonnener Einrichtungen) parallel zu den phantastischen Zusatznutzen der grenzüberschreitenden, ja zwischenzeitlich globalen Mobilfunktechnik und der eben erst begonnenen Internet-Revolution, die über beide Netze voll abgeht - automatisch dazu führen, daß der durchschnittliche Haushalt von morgen beide Zugänge - den übers Festnetz und den Mobilfunk - parallel nutzen wird.

Dafür sind integrierte Geräte wie ein Gigaset GSM von Vorteil, bei dem man über eine bewährte Benutzeroberfläche im Privatbereich (in diesem Fall über ein Gigaset 2000S) den vielfach schon geschätzten Schnurloskomfort dann auch für Mobilfunkgespräche nutzen kann. Wenn man darauf noch ein attraktives Gebührenmodell abbildet, könnte das eine komfortable und preiswerte Lösung für die zum angreifbaren Produkt gewordene Konvergenz werden.

Zumindest hat dann der eingangs erwähnte Karl zu Hause nur mehr einen Schnurlos-Mobilteil neben seiner Sonnenliege, bei dem alle Gespräche - auch die fürs Handy bestimmten - landen. Und sollte dennoch ein anderes Familienmitglied gefragt sein, kann er rasch intern verbinden und sich weiter sonnen...

... bis unter Umständen seine Frau durch Anklopfen ein GSM-Gespräch für den Gatten signalisiert bekommt und per Knopfdruck makelnd wieder zu Karl zurückverbindet ...

Josef Forer


Lebenslauf Dipl.-Ing. Josef Forer

1956in geb. in Mühlwald/Südtirol, Klass. Gymnasium/Lyzeum in Brixen und Bruneck
1975Matura in Bruneck
1975-1982Studium an der TU Wien (Elektrotechnik mit Studienzweig Nachrichtentechnik)
1982Eintritt in die Siemens AG Österreich (SAGÖ) als Entwicklungsingenieur (Aufbau einer Hochfrequenz-Entwicklungsgruppe, u.a. Projektleiter für die Entwicklung der ersten CT1 und DECT-Schnurlostelefone)
1987Verleihung des Titels "Dottore in ingegneria elettrotecnica" (Dr. techn.) an der Universität von Bologna
1987Heirat mit Dr. med. Gislinde
1988Geburt des Sohnes Florian
1989Wechsel von der Entwicklung in das Produktmanagement der SAGÖ
1991Leitung des Vertriebsbereiches Fernsprechendgeräte der SAGÖ
1995Leitung des indirekten Vertriebs für den Bereich Private Kommunkationssysteme und Netze der SAGÖ für Österreich und Slowakei, Slowenien, Kroatien, ab 1996 auch Bosnien Herzegowina
1.10.1998Leitung des neugegründeten Geschäftsfeldes "Communication Devices" mit einem vss. Umsatz von > 1 Mrd. ATS im Geschäftsjahr 1998/99
1998Auszeichnung zum "Erfinder des Jahres 1998" der Siemens AG weltweit (Inhaber mehrerer Patente und regelmäßig weitere Anmeldungen, 1998 u.a. das auf der CEBIT99 erstmals gezeigte Konvergenzprodukt "Gigaset GSM")
Dipl.-Ing. Forer wohnt im Winter in Wien 6, im Sommer beim Wienerwaldsee in Preßbaum. Seine Hobbies sind Holzbearbeitung, Fotografie, Squash, Rodeln, Skifahren, Radfahren



MOBILE TIMES Home Letzte Überarbeitung: Montag, 10. Februar 2003
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